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"Risiko" darf kein Schimpfwort in der Verwaltung sein

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Nils Hoffmann
Nils Hoffmann
Geschäftsführer
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Wenig genutzte digitale Angebote, ausufernde Kosten und Technik aus den 90er Jahren. Um Verwaltungshandeln technologisch neu aufzustellen, müssen Verwaltungen ein neues Verständnis von Risiko entwickeln. Kaum ein Sektor gilt als so risikoavers wie die deutsche Verwaltung. In geopolitisch und wirtschaftlich unruhigen Zeiten steht die Verwaltung für Stabilität, Verlässlichkeit und planbare Karrieren. Doch genau diese Sehnsucht kollidiert mit der Realität staatlichen Handelns im digitalen Zeitalter. Denn die unangenehme Wahrheit lautet: Verwaltung muss unsteter werden, wenn sie ihre Aufgaben auch in Zukunft erfüllen will, gerade dort, wo Technologie eine immer größere Rolle spielt. Über Jahrzehnte war das dominierende Risikomaß der Verwaltung das Rechtsrisiko. Gesetze mussten eingehalten, Verfahren korrekt durchgeführt, Prüfungen bestanden werden. Dieses Denken hat den Rechtsstaat stark gemacht. Doch es hat auch dazu geführt, dass andere Risiken systematisch ausgeblendet wurden: finanzielle Risiken, Wirkungsrisiken, Akzeptanzrisiken. In einer analogen Welt war das verkraftbar, in einer digitalen nicht mehr.

Ein Weiter-so ist keine Option

Insbesondere vor dem Hintergrund leerer Kassen muss es hier dringend zu einem Perspektivwechsel kommen. Die demografische Entwicklung schmälert die Einnahmenbasis, während Ausgaben für Rente, Pflege, Verteidigung und Klimaschutz steigen. Gleichzeitig wächst der Erwartungsdruck der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Gerade bei digitalen Projekten zeigt sich ein strukturelles Problem. Der Bundesrechnungshof kritisiert seit Jahren, dass IT-Großprojekte des Bundes häufig teurer werden als geplant und ihren Nutzen nur eingeschränkt entfalten. Die digitale Dividende bleibt aus. Dabei wäre der Hebel ein anderer. Nicht immer neue Funktionen schaffen den größten Mehrwert, sondern Verbreitung, Vereinfachung und Bekanntheit. Die Wirkung von Vorhaben und die damit verbundenen Herausforderungen müssen dringend eine prominentere Rolle einnehmen. Das Risiko unzureichender Nutzung wird in der Verwaltung bis heute kaum ernst genommen.
Häufig gilt ein Projekt als erfolgreich, wenn es fristgerecht entwickelt und formal abgenommen wurde. Ob Bürgerinnen und Bürger oder Unternehmen das Angebot tatsächlich nutzen, bleibt zweitrangig.

Verwaltung muss unsteter werden, wenn sie ihre Aufgaben auch in Zukunft erfüllen will.


Internationale Vorbilder zeigen neue Wege

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es auch anders geht. In New York wurde die städtische Servicenummer 311 konsequent als Marke aufgebaut. Die Stadt investierte früh in Öffentlichkeitsarbeit, Nutzerführung und kontinuierliche Verbesserung auf Basis von Nutzungsdaten. Die Nummer ist heute fester Bestandteil des Alltags. In Deutschland existiert mit der 115 ein ähnliches Angebot, technisch solide, organisatorisch breit verankert. Doch viele Bürgerinnen und Bürger kennen es bis heute nicht. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Haltung, in der Distribution nicht als Risiko begriffen wird. Dabei ist fehlende Nutzung eines der größten Risiken digitaler Verwaltung. Jeder nicht genutzte Dienst ist verschwendetes Steuergeld. Nutzung lässt sich messen, steuern und beeinflussen. Sie muss daher Teil der Managementlogik werden. Das schließt ein, Anbieter, IT-Dienstleister und Kommunikationspartner stärker einzubinden.
Wer digitale Lösungen entwickelt, sollte nicht nur für den Bau bezahlt werden, sondern auch für deren erfolgreiche Verbreitung. Egal ob Vergaben oder Förderprogramme, der Staat vergütet vor allem Input: Stunden, Konzepte, technische Leistungen. Der Erfolg wird selten am Ergebnis gemessen. Dieses Modell verschiebt Risiken einseitig auf die öffentliche Hand und belohnt nicht diejenigen, die tatsächliche Wirkung erzielen. Warum nicht Anbieter belohnen, deren Lösungen nachweislich genutzt werden? Warum nicht Fördermittel an Skalierung und Verbreitung knüpfen statt an Neuentwicklung?

Worauf es bei der Verwaltung der Zukunft wirklich ankommt

All diese Punkte laufen auf eine zentrale Fähigkeit hinaus: Vigilanz. Der Soziologe Max Weber beschrieb Bürokratie als rationales Herrschaftsinstrument, das durch Berechenbarkeit überzeugt. Doch Rationalität bedeutet nicht Starrheit. Vigilanz heißt, Risiken in ihrer Vielfalt wahrzunehmen, gegeneinander abzuwägen und bei veränderten Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben. Niemand fordert eine Verwaltung, die leichtfertig handelt oder rechtliche Standards aufgibt. Aber ein Staat, der nur das Rechtsrisiko kennt und alle anderen Risiken ignoriert, wird in der digitalen Transformation verlieren. Erfolgreiche Verwaltung der Zukunft erkennt, dass Stabilität nicht aus Stillstand entsteht, sondern aus der Fähigkeit zur Anpassung. Genau diese Fähigkeit wird darüber entscheiden, ob der deutsche Staat auch im 21. Jahrhundert leistungsfähig bleibt.

Dieser Text erschien zuerst im Handelsblatt GovTech Journal im Februar 2026.

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