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Von Silos zu Synergien: Wie ökosystemisches Denken den öffentlichen Sektor transformieren kann

Von Silos zu Synergien: Wie ökosystemisches Denken den öffentlichen Sektor transformieren kann
Contributors
Dr. Denis Krechting
Dr. Denis Krechting
Geschäftsführer
Jana Meßmer
Jana Meßmer
Junior Associate
Veröffentlicht am
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Dr. Denis Krechting, Mitautor des Buches „Ecosystemize Your Business: How to succeed in the new economy of collaboration“ und Co-Geschäftsführer von Possible Digital, ist einer der führenden Experten im Bereich Unternehmens-Ökosysteme. In seinem Buch, das er gemeinsam mit Professor Julian Kawohl verfasst hat, wird ein vierstufiger Prozess zur erfolgreichen Implementierung von Ökosystemen in der eigenen Organisation beschrieben. Im folgenden Interview erklärt Denis, wie die Prinzipien aus seinem Buch auf den öffentlichen Sektor angewendet werden können und welche Rolle Ökosysteme bei der Transformation der Verwaltung spielen können.

1. Denis, was verstehst du unter dem Begriff ‘ökosystemisches Denken’ und warum hat sich dieser Ansatz in der Privatwirtschaft durchgesetzt?

Denis Krechting: Ökosystemisches Denken legt den Fokus auf Kooperation zwischen verschiedenen Organisationen, Ressorts und Disziplinen, um komplexe Leistungen zu erbringen, die auf die Bedürfnisse der Nutzer:innen abgestimmt sind. Damit setzt ökosystemisches Denken voll auf Nutzerzentrierung und fordert und fördert Kooperation.

Leider hat sich das noch nicht vollständig durchgesetzt, aber es ist auf einem guten Weg. Viele Organisationen haben erkannt, dass Einzellösungen oder Teillösungen nicht mehr ausreichen, um die Komplexität moderner Leistungen zu bewältigen. An einigen Stellen haben Unternehmen begonnen, ressortübergreifend zusammenzuarbeiten und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die der Realität gerecht werden. Der Kern des ökosystemischen Denkens liegt in der konsequenten Kundenzentrierung und Interdisziplinarität.

Ein Beispiel ist Amazon. Um die Bedürfnisse der Kunden bestmöglich zu befriedigen, hat Amazon neben dem Marktplatz auch die Logistik aufgebaut. So haben sie Stück für Stück ein Ökosystem rund um den Kunden geschaffen. Leistungen werden dabei nicht nur vom Kernunternehmen, sondern von einem organisationsübergreifenden Ökosystem erbracht. Diese Nutzerzentrierung kombiniert mit der Erkenntnis, das Kooperation erforderlich ist, führt zu besseren und erfolgreicheren Ergebnissen. Deshalb hat sich das Denken in Ökosystemen durchgesetzt.

2. Wie unterscheidet sich ökosystemisches Denken von traditionellen Geschäfts- und Organisationsmodellen? Hast du ein weiteres Beispiel für Unternehmen, die den Ökosystem-Ansatz anwenden?

Denis Krechting: Traditionelle Geschäfts- und Organisationsmodelle setzen oft das Produkt in das Zentrum ihres Modells. In einer Welt, in der Produkte rar waren und ein gutes, massentaugliches Produkt gute Umsätze garantierte, waren produktzentrierte Modelle, in großer Masse mit niedrigen Preisen das passende Modell der Zeit. Diese Denke wird deutlich an Henry Fords Zitat aus 1931: "Jeder Kunde kann ein Auto in jeder gewünschten Farbe haben, solange es schwarz ist.“ Doch dieses Paradigma gilt nicht mehr in einer hyper-individualisierten Welt. Dies hat eine Verschiebung in der Arbeitsweise zur Folge, an die sich Unternehmen erst gewöhnen müssen: Die Bedürfnisse des Kunden steht im Mittelpunkt und daraus ergibt sich die Notwendigkeit, in Ökosystemen zu denken und zu arbeiten.  

“In einer Welt, in der Produkte rar waren und ein massentaugliches Produkt gute Umsätze garantierte, waren produktzentrierte Modelle passende Modelle. Heute leben wir jedoch in einer individualisierten Welt, in der jeder gehört und verstanden werden möchte.

Ein erfolgreiches Beispiel ist Apple mit seinem App Store. Apple hat ein Ökosystem geschaffen, in dem Entwickler:innen, Hardwarehersteller:innen und Kund:innen miteinander interagieren, was zu einer ständigen Weiterentwicklung und Verbesserung der Produkte und Dienstleistungen führt. Dieses gegenseitige Nutzen und Teilen von Ressourcen und Daten ist der Kern des ökosystemischen Denkens, in dessen Zentrum die Nutzerorientierung steht. Das bedeutet auch eine Veränderung der Kultur und des Selbstverständnisses - weg vom Silodenken und weg von der Verengung auf das eigene Produkt und die eigene Abteilung.

3. Wie verändern Ökosysteme die Dynamik des Marktes?

Denis Krechting: Es ist andersherum: Nicht Ökosysteme verändern die Dynamik des Marktes, sondern Ökosysteme sind eine Anpassung an veränderte Dynamiken des Marktes. Die Anforderungen der Kunden haben sich fundamental geändert. Sie wollen schnelle, funktionierende und individuelle Lösungen. Unternehmen müssen sich an diese neuen Bedürfnisse anpassen und so entsteht eine ökosystemische Herangehensweise.

4. In eurem Buch habt ihr das Ecosystemizer Framework entwickelt: Warum gibt es das Framework und kannst du uns den Inhalt kurz erläutern?

Denis Krechting: Das Framework umfasst einen vierstufigen Prozess: verstehen, strategisch planen, designen und transformieren. Damit hilft es Organisationen, sich an die beschriebenen Veränderungen anzupassen. Es hilft, den Wert einer Organisation im Leben des Menschen zu identifizieren und sich entsprechend zu positionieren. Es geht darum, eine Leistung vom Ökosystemen und nicht mehr nur vom Einzelunternehmen zu erbringen.

5. Welche Rolle spielt das Ecosystemizer Framework, wenn sich die öffentliche Verwaltung auf ein Ökosystem-Modell umstellen will? Wie kann es angewendet werden?

Denis Krechting: Es spielt eine fundamentale Rolle, denn darin liegt eine große Chance für die Transformation der öffentlichen Verwaltung. Das Framework ermöglicht es der öffentlichen Verwaltung, sich stärker an den Lebenswirklichkeiten der Bürger:innen zu orientieren und ressortübergreifend zusammenzuarbeiten. Das Framework kann helfen, die notwendigen Datenflüsse und Kooperationen zu identifizieren und umzusetzen. Damit können beispielsweise Bürger-Services designt oder Touch Points definiert werden, die zwischen Staat und Bürger essenziell sind. Aber lass uns die Schritte einzeln durchgehen.

Schritt 1: verstehen

Welche Dienste sind essenziell für den Bürger und in welchem Lebensbereich (beispielsweise Mobilität, Wohnen, etc.) ist er davon betroffen? Welche anderen Lebensbereiche sind ebenfalls von dem Dienst berührt? Nehmen wir zum Beispiel einen Umzug. Als ich von Aachen nach Düsseldorf gezogen bin, wäre der Idealzustand gewesen, dass die Stadt proaktiv auf mich zukommt und in den Lebensbereichen Wohnen, Mobilität, Bildung, Gesundheit, Konsum und Freizeitangebote Dienstleistungen und Möglichkeiten aufzeigt und im Hintergrund alle relevanten Prozesse anstößt. Dies wäre 100 % nutzerzentriert und am Ende des Prozesses hätte ich keinen Behördengang und könnte auf das gesamte Portfolio von Mobilität bis Gesundheitsangebote in der Stadt zurückgreifen. Vielleicht wären diese Angebote sogar in einer App gebündelt.

Schritt 2: strategisch planen

Hierfür müssten alle Behörden und Fachabteilungen genau diese Übung durchführen, sich auf die wichtigsten Lebensbereiche fokussieren und die großen Events im Leben wie beispielsweise Umzüge, Heirat, Kinder bekommen, Einschulung, etc. systematisch strukturieren und ableiten, welche Abteilungen in die Prozesse eingebunden werden müssten und welche Datenflüsse dazu unnötig sind.

Schritt 3: designen   

Daraus lassen sich zukünftige und neue Prozesse, Zuständigkeiten und Datenübergabe-Punkte definieren, die zu dieser komplexen Leistungserbringung nötig wären. Diese können dann runtergebrochen bis auf die Arbeitsebene für eine Umsetzung genutzt werden.

Schritt 4: transformieren

In einem letzten Schritt müssen dann die neu erarbeiteten Prozesse und Strukturen eingeführt und vor allen Dingen durch die gesamte Organisation getragen werden. Dies hätte ein völlig neues Paradigma in der Verwaltung zur Folge. Dieses Paradigma würde weg vom einzelnen Dezernat hin zu bürgerorientierten Einzelteams führen, die bedarfsgerecht in den einzelnen Lebensbereichen zusammenarbeiten und auf einen geteilten Datenstamm zurückgreifen.

Eine sehr große Vision (lacht). Aber irgendwo müssen wir anfangen. Da wir uns, wie eben beschrieben, mehr mit den Bedürfnissen der Bürger auseinandersetzen müssen und es dafür neue Strukturierung braucht.

6. Welche besonderen Herausforderungen und Chancen bringt das ökosystemische Denken für die öffentliche Verwaltung mit sich?

Denis Krechting: Für die öffentliche Verwaltung bringt ökosystemisches Denken sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Eine Chance liegt darin, durch die Vernetzung mit verschiedenen Akteuren, wie Bürger:innen, Unternehmen und anderen Behörden, effizientere und bürgernähere Dienstleistungen zu entwickeln und anzubieten. Öffentliche Verwaltung kann agiler und reaktionsfähiger werden.

Eine Herausforderung besteht darin, traditionelle Strukturen und Denkweisen zu überwinden und eine Kultur der Zusammenarbeit und Innovation zu fördern. Die Verwaltung hat dies nie gelernt und hat auch richtigerweise nicht den Auftrag, dies zu tun. Die Verwaltung soll Gesetze ausführen und macht dies, wie ich finde, mit einer wahnsinnigen Präzision, leider zu Kosten der Innovation und Flexibilität. Doch müssen wir beides tun. Präzise bleiben und Innovationen ermöglichen. Denn die Umsetzung einer nutzerfreundlichen Dienstleistungserbringung stand bisher oft nicht im Fokus der Verwaltung.

7. Welche Rolle spielen private Unternehmen und Startups in diesem Kontext?

Denis Krechting: Eine Große. Der öffentliche Sektor sollte sich auf die Rahmenbedingungen konzentrieren und, je nach Anwendungsfall, die Privatwirtschaft als Partner einbeziehen, um effizient die jeweils besten Lösungen zu entwickeln. So entsteht ein Ökosystem nach dem Modell, von dem alle Akteure profitieren. Die Verwaltung erhält Lösungen für ihre Herausforderungen, Unternehmen und besonders Startups bekommen so Zugang zu neuen Märkten, gewinnen den Staat als Pilotkunden und stärken damit ihre Reputation. Auf allen Seiten wächst die Innovationskraft.

8. Wie kann die öffentliche Verwaltung die Zusammenarbeit mit externen Partnern intensivieren und verbessern?

Denis Krechting: Indem sie sich auf das Thema einlässt und die Vorteile erfahrbar macht. Es braucht einen Kulturwandel und eine Offenheit für neue Denkweisen.

9. Hast du konkrete Beispiele für erfolgreiche Ökosystem-Ansätze im öffentlichen Sektor?

Denis Krechting: Jein, es gibt Projekte, wie die Challenge-Programme in Hamburg oder ähnliche Ansätze in Hessen und NRW, bei denen konkrete Herausforderungen ressortübergreifend und nutzerzentriert gelöst wurden. Diese wurden zwar noch nicht nach einem strukturierten Ökosystem-Ansatz erarbeitet, aber gehen in die richtige Richtung. Davon brauchen wir noch mehr.

10. Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz im ökosystemischen Denken?

Denis Krechting: Künstliche Intelligenz ist ein Mittel zum Zweck. Wir starten bei den Bürger:innen und bei konkreten Problemen. Wenn sich zeigt, dass eine KI eine Aufgabe besser, schneller und effizienter lösen kann, dann setzen wir sie gerne ein. Allerdings sollten wir die Vorstellung vermeiden, dass KI eine Allzweck-Waffe ist, die jegliches Problem löst. Oft sind es einfache Probleme, die ohne KI gelöst werden müssen. Wenn an einem Raum beispielsweise eine Beschilderung fehlt, hilft auch keine KI weiter. Wir sollten immer von den Bedürfnissen der Bürger:innen ausgehen und die Technologie an zweiter Stelle betrachten. Wenn wir dann feststellen, dass wir KI brauchen, um eine Lösung zu verbessern, ist das ein Gewinn. Wichtig ist: Bürger:in first, Technologie second.

11. Angenommen, eine Behördenleiterin liest diesen Artikel und möchte gerne einen Wandel in Richtung ökosystemisches Denken in Ihrer Behörde anstoßen: Wo könnte sie beginnen?

Denis Krechting: Erstmal gilt es, auf das Thema aufmerksam zu machen. Die Vorteile müssen erfahrbar und erlebbar gemacht werden. So kann man sich beispielsweise einen Lebensbereich mal raus greifen und konkret für seine Behörde durch definieren. Man wird schnell sehen, was ökosystemisches Denken für die Bürger:innen und die Behörde bringt und wie die Zufriedenheit auf allen Ebenen sich verbessert. Es muss uns klar sein, dass wir mit der alten Denkweise nicht weiterkommen, wir müssen anders denken. Und dazu braucht die Verwaltung Augenöffner. Konkret könnte die Behördenleiterin Inspiration aus anderen Ländern, aus großen Konzernen oder auch aus deutschen Behörden holen und daraus ableiten, was das für sie selbst und die eigene Behörde bedeutet. Als Beratung können wir dabei unterstützen.

Vielen Dank Denis, für das spannende Interview und die Einblicke in das ökosystemische Denken und dessen Bedeutung für Unternehmen und die öffentliche Verwaltung.

Ihre Ansprechperson zu diesem Thema

Für weitere Informationen steht Ihnen Dr. Denis Krechting gerne zur Verfügung.

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